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Der Einladung der DIG Frankfurt am 29. September 2025 zur Buchvorstellung mit Jonas Hahn zu seiner im Wallstein Verlag publizierten Dissertation „Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948-1972“ nach Frankfurt-Griesheim waren ca. 30 interessierte Gäste gefolgt.

Der Historiker nahm die Anwesenden in seinem Vortrag mit auf eine spannende Zeitreise an die westdeutschen Universitäten der 1950er und 1960er und zeichnete nach, wie die Deutsch-Israelischen Studiengruppen (DIS) halfen, die Sprachlosigkeit, die nach dem Krieg zwischen beiden Ländern herrschte, zu überwinden. In einem zweiten Teil des Abends, der Lesung, wurde den Zuhörern der israelische Philosophiestudent Jochanan Bloch, Initiator der Berliner Studiengruppe, vorgestellt.

Genese der Dissertation

Dreh- und Angelpunkt seiner Dissertation sei die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel am 12. Mai 1965 gewesen, so Jonas Hahn zu der Entstehung seiner Arbeit. Im Rahmen der 50-Jahr-Feier dieses Datums sei er 2015 auf die Bedeutung der DIS gestoßen, die in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten die zivilgesellschaftliche Debatte in Deutschland in Bezug auf Israel mitprägten. „Bei der Sichtung des Archivmaterials der Freien Universität Berlin wurde mir schnell klar, dass diese Thematik wert ist, näher untersucht zu werden,“ so Hahn. Neben dem Studium der Universitätsarchive konnte Hahn noch 29 ehemals in den Studiengruppen Aktive interviewen und so entstand ein lebendiges Bild des Engagements der Studierenden für Israel in der frühen Bundesrepublik.

Großes Interesse an Israel und der Kibbuz Bewegung – Aufarbeitung der NS-Vergangenheit – Forderung nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen

Drei zentrale Themen prägten die Arbeit der DIS: Mit der Gründung der ersten Studiengruppe in Berlin im Jahr 1957 ging das Interesse am Modell des israelischen Staates einher, der für die Studentenschaft als progressiv, links und gewerkschaftlich geprägt einen positiv besetzten Kontrapunkt zu den starren Strukturen der damaligen konservativen deutschen Gesellschaft setzte. „Es gab einen engen Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen und politischen Situation in der Bundesrepublik sowie der Wahrnehmung Israels unter westdeutschen Studierenden,“ so Jonas Hahn. Eine erste Reise nach Israel 1957, der viele weitere folgten, war ein „Türöffner“ für einen lebendigen Austausch v.a. mit den Kibbuzim, die sozialdemokratisch geprägt waren. Kooperationspartner war die Nationalunion israelischer Studierender. In den nächsten Jahren bildeten sich DIS an fast allen großen westdeutschen Universitäten: In insgesamt 19 Studiengruppen waren ca. 600-800 Mitglieder aktiv.

Ein zentrales weiteres Anliegen der DIS war das Engagement für die NS-Aufarbeitung. Mit der Wanderausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, initiiert von dem Berliner Studenten Reinhard Strecker, wurde in den Jahren 1959-1962 kritisiert, dass mit Gründung der Bundesrepublik gerade in der Justiz kein personeller Neuanfang stattgefunden hatte.

Das zivilgesellschaftliche Engagement der DIS mündete in deren zentraler Forderung nach Aufnahme offizieller Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel. „Vom gesellschaftlichen Engagement gingen wichtige Impulse aus, die der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Jahr 1965 den Weg ebneten,“ so Jonas Hahn. Die Erfüllung des Luxemburger Abkommens von 1952 über deutsche Reparationsleistungen an den jungen Staat Israel wurde nicht als Ersatz für staatliche Anerkennung gedeutet. Die Bundesrepublik zögerte mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum jüdischen Staat, da man die gleichzeitige Anerkennung der DDR durch viele arabische Staaten befürchtete (Hallstein Doktrin). Durch Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und zahlreiche Veranstaltungen trugen die Studiengruppen ihr Anliegen in die breite Öffentlichkeit.

Wandel des Israelbildes in der deutschen Studentenschaft und Gründung der DIG

Mit dem Erreichen des Ziels der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der BRD und Israel 1965 und dem Sechs-Tage-Krieg 1967 änderte sich das Israelbild in der deutschen Studentenschaft. Die Gründungsgeneration der Studiengruppen war abgetreten, neue Generationen von Studierenden folgten mehrheitlich den Ideen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der sich nun durch antiisraelische und antizionistische Positionen auszeichnete. Die DIS hielten mit Veranstaltungen dagegen und standen in „kritischer Solidarität“ zu Israel. Allerdings waren sie zahlenmäßig weit unterlegen. In den folgenden Jahren lösten sich die meisten dieser Studiengruppen auf. Das Engagement der Studierenden für Israel lebt fort in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die am 21. März 1966 in Bonn gegründet wurde.

Bezug zur aktuellen Lage an deutschen Universitäten

In die Zeit der Schlussredaktion seiner Dissertation fielen die schrecklichen Ereignisse des 7. Oktobers 2023, so Jonas Hahn. Er habe feststellen müssen, dass es erschreckende Parallelen zwischen 1967 und 2023 gäbe: Eine von außen auf Israel gerichtete Aggression sei an den Universitäten umgedeutet worden in einen von Israel ausgehenden „Imperialismus“ (1967) bzw. „Neokolonialismus“ (2023). Explosionsartig entlud sich – damals wie heute – ein Anti-Israel-Bild und ein damit einhergehender Antisemitismus.

Lesung zu Jochanan Bloch

Jochanan Bloch (1919 – 1979), gebürtiger Berliner aus zionistischem Elternhaus, ist als Kind mit seinen Eltern nach Israel emigriert. Er wurde in Israel Rechtsanwalt, entschied sich aber 1956 auf Empfehlung von Ernst Simon und Martin Buber, ein Philosophiestudium in Deutschland zunächst in Heidelberg, dann in Berlin aufzunehmen. Nach anfänglichen Vorbehalten gegenüber Deutschland setzte sich bei Bloch bald ein politischer Pragmatismus durch und er knüpfte in Berlin schnell Kontakte zum SDS, dessen Studierende Interesse an Israel zeigten. Aus einer Vortragsreihe zu Israel und einem Arbeitskreis, die eine stetig wachsende Zuhörerschaft verzeichneten, konstituierte sich im Juni 1957 die erste Deutsch-Israelische Studiengruppe an der Freien Universität Berlin.

Fragen aus dem Publikum

Interessante Fragen aus dem Publikum rundeten den Abend ab: Sie widmeten sich dem veränderten Fokus des Israelbildes nach 1967, der Frage nach ähnlichen Studiengruppen in der damaligen DDR oder dem europäischen Ausland, dem Vermächtnis der Deutsch-Israelischen Studiengruppen und dem aktuellen Bezug.